Trading-Strategie
MA 200 Strategie: Pullbacks an die 200-Tage-Linie richtig handeln
Der 200er gleitende Durchschnitt ist eine der meistbeachteten Linien im Chart. Ich zeige dir ein Setup, das genau darauf aufbaut – mit klaren Regeln, einem Backtest auf den DAX und dem, was ich seitdem daran verbessert habe.
Patrick Streck Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Planlos an der Börse zu handeln führt fast immer zum selben Ergebnis: mehr Verluste als Gewinne. Eine Trading-Strategie mit klaren Regeln ändert das. Sie legt fest, wann du einsteigst, wo dein Risiko endet und wann du aussteigst – und nimmt dir damit die emotionalen Entscheidungen ab.
Eine der Strategien, mit denen ich am meisten arbeite, baut auf dem MA 200 auf, dem gleitenden Durchschnitt über 200 Perioden. In diesem Artikel erfährst du, warum gerade diese Linie so oft eine Rolle spielt, wie das Setup im Detail aussieht und wie es sich in einem Backtest auf den DAX geschlagen hat.
Was ist der MA 200 (die 200-Tage-Linie)?
Der MA 200 (Moving Average 200) ist der Durchschnitt der Schlusskurse der letzten 200 Perioden. Im Tageschart sind das die letzten 200 Handelstage – deshalb wird er oft auch 200-Tage-Linie oder 200-Tage-Durchschnitt genannt. Mit jedem neuen Tag fällt der älteste Kurs heraus und der neueste kommt dazu, die Linie „gleitet“ also mit dem Kurs mit.
Der MA 200 gehört zu den bekanntesten Indikatoren überhaupt. Das macht ihn so interessant: Weil sehr viele Marktteilnehmer auf dieselbe Linie schauen, reagiert der Kurs dort auffällig oft.
- Trendfilter: Liegt der Kurs über einem steigenden MA 200, befindet sich die Aktie im übergeordneten Aufwärtstrend. Darunter und bei fallender Linie eher im Abwärtstrend.
- Dynamische Unterstützung: Im Aufwärtstrend läuft der Kurs nach einem Rücksetzer häufig bis zur 200-Tage-Linie zurück und prallt dort ab.
- Dynamischer Widerstand: Im Abwärtstrend dreht der Kurs beim Erreichen der Linie oft wieder nach unten.
MA 200 oder EMA 200 – was ist der Unterschied?
„MA 200“ wird meist für den einfachen gleitenden Durchschnitt verwendet, den SMA 200 (Simple Moving Average). Bei ihm zählt jeder der 200 Kurse gleich viel.
Beim EMA 200 (Exponential Moving Average) werden die jüngsten Kurse exponentiell stärker gewichtet, ältere Werte spielen kaum noch eine Rolle. Der EMA reagiert dadurch schneller auf neue Bewegungen und liegt in einem Trend näher am aktuellen Kurs. Dazwischen gibt es noch den WMA (Weighted Moving Average) mit linearer Gewichtung.
Ich verwende in meinem Trading inzwischen hauptsächlich EMAs, eben weil sie schneller reagieren. Das Prinzip des Setups in diesem Artikel ist bei beiden gleich – entscheidend ist, dass du dich für eine Variante entscheidest und dabei bleibst. Den Vergleich der drei Berechnungsarten zeige ich dir im Video ab Minute 1:10.
Warum der Kurs immer wieder zur 200-Tage-Linie zurückläuft
Beim Analysieren von Aktiencharts ist mir aufgefallen, wie oft der Bereich um den MA 200 angelaufen und getestet wird. Ein gutes Beispiel ist die Aktie der Deutschen Telekom im Tageschart von März 2022 bis Mai 2024:

Deutsche Telekom (DTE), Tageschart: Der Kurs testet den Bereich um den MA 200 immer wieder.
Die markierten Stellen zeigen, wie oft der Kurs in den Bereich zurückgelaufen ist – mal mit klarer Reaktion, mal läuft er einfach durch. Ein Test allein ist also noch kein Kaufsignal.
Nicht die Linie, sondern der Bereich
Ein wichtiger Punkt, den ich heute anders mache als früher: Ich betrachte nicht die einzelne Linie, sondern einen Bereich um den gleitenden Durchschnitt. Dafür wird der Durchschnitt nicht nur aus den Schlusskursen, sondern auch aus den Hoch- und Tiefpunkten berechnet. Das ergibt ein Band statt einer Linie.
Der Grund: Kein Markt dreht exakt auf den Cent genau an einer berechneten Linie. Mit einem Bereich kannst du viel besser beurteilen, ob der Kurs dort wirklich reagiert – oder einfach durchläuft.
Das Setup: Test des MA-200-Bereichs plus Candlestick-Bestätigung
Einfach zu kaufen, sobald der Kurs den Bereich erreicht, reicht nicht. Es braucht eine Bestätigung, dass der Bereich auch von anderen Marktteilnehmern respektiert wird. Dafür nutze ich zwei Candlestick-Formationen, die auf eine Ablehnung tieferer Kurse hindeuten:
- Bullishe Pinbar: eine Kerze mit langem Docht nach unten und kleinem Körper oben. Die Verkäufer haben den Kurs in den Bereich gedrückt, die Käufer haben ihn wieder nach oben geholt.
- Bullish Engulfing: eine Kerze, deren Körper den Körper der vorherigen Kerze vollständig umschließt – die Käufer übernehmen die Kontrolle.
Die Farbe der Kerze spielt dabei übrigens kaum eine Rolle, entscheidend ist die Form. Zusammengefasst besteht das Setup aus diesen Bedingungen:
| Bedingung | Worauf du achtest |
|---|---|
| Trend | Kurs vorher klar über dem MA-200-Bereich, die Linie steigt |
| Pullback | Kurs läuft zurück in den Bereich um den MA 200 |
| Bestätigung | bullishe Pinbar oder Bullish Engulfing im Bereich |

Beispiel aus dem Video: Pullback in den EMA-200-Bereich, die Pinbar (Kreis) bestätigt die Ablehnung – danach setzt sich der Trend fort.
Wie das an echten Charts aussieht, zeige ich dir ausführlich im Video ab Minute 5:19.
Einstieg, Stop-Loss und Ausstieg
Einstieg per Stop-Buy: Ich steige nicht direkt mit einer Market-Order ein, sondern lege eine Stop-Buy-Order knapp über das Hoch der Signalkerze. So werde ich erst eingestoppt, wenn der Kurs tatsächlich in meine Richtung läuft. Bricht der Bereich am nächsten Tag doch nach unten, bin ich gar nicht erst im Trade.
Stop-Loss: unterhalb des MA-200-Bereichs. Hält der Bereich nicht, ist das Setup ungültig.
Ausstieg: Im ursprünglichen Setup habe ich einen festen Take-Profit mit einem Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) von 2 gesetzt. Was dabei herauskam und warum ich das inzwischen anders mache, zeigt der Backtest.
Backtest: So hat das Setup im DAX abgeschnitten
Backtesting bedeutet, eine Strategie mit historischen Kursdaten zu prüfen: Hätte sie in der Vergangenheit funktioniert? Eine erfolgreiche Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft, aber sie zeigt, ob eine Idee überhaupt eine solide Grundlage hat.
Schon im Telekom-Chart oben gab es das Setup im betrachteten Zeitraum zweimal als Long-Einstieg. Mit dem Stop-Loss am unteren Ende des Bereichs und einem CRV von 2 endeten beide Trades im Gewinn – mit +6,1 % und +3,9 %. Grund genug, das Setup systematisch zu testen: auf alle Aktien des DAX über zwei Jahre (Stand Mai 2024).
| Kennzahl | Ergebnis |
|---|---|
| Getestete Aktien | alle Werte im DAX |
| Zeitraum | 2 Jahre, bis Mai 2024 |
| Long-Einstiege | 30 |
| Trefferquote | 63,3 % |
| Summe aller Trade-Ergebnisse | +84,8 % |

Verteilung der Ergebnisse aller 30 Trades: Die Verluste bleiben durch den Stop-Loss begrenzt, der Median liegt klar im Gewinn.
Wichtig zur Einordnung: Die +84,8 % sind die Summe der einzelnen Trade-Ergebnisse, nicht die Rendite eines Depots. Wie viel davon im Portfolio ankommt, hängt vom Money-Management ab – also davon, wie viel Kapital du pro Trade einsetzt.
Die eigentliche Erkenntnis aus dem Backtest war aber eine andere: Der feste Take-Profit war fast immer zu früh. In der Telekom-Aktie wäre zum Beispiel Ende Oktober 2023 ein Einstieg gewesen – der feste Take-Profit hätte den Trade aber früh beendet und die anschließende Aufwärtsbewegung verpasst. Dasselbe Bild zeigte sich bei vielen weiteren Trades.
Was ich seitdem an der Strategie verbessert habe
Das Setup spekuliert auf eine Trendfortsetzung – und Trends laufen in den meisten Fällen deutlich weiter als ein fixes Kursziel. Deshalb habe ich die Strategie seit dem Backtest in mehreren Punkten angepasst:
- Dynamischer Ausstieg statt festem Take-Profit: Ich ziehe den Stop-Loss nach – entweder an einem schnelleren gleitenden Durchschnitt entlang oder anhand der Price Action. So bleibe ich im Trade, solange der Trend intakt ist.
- EMA statt SMA: Der EMA 200 reagiert schneller, der Bereich liegt dadurch näher am aktuellen Geschehen.
- Bereich statt Linie: Der Bereich aus Hoch- und Tiefkursen macht die Reaktion im Chart viel besser lesbar.
- Steigung beachten: Eine fallende 200er-Linie ist kein Umfeld für Long-Trades. Die Steigung zeigt dir außerdem früher als jedes Crossover, wenn das Momentum kippt.
- Übergeordnete Zeitebene als Filter: Im Swing-Trading gibt mir der Wochenchart die Richtung vor, zum Beispiel über den EMA 20. Liegt der Kurs dort im Aufwärtstrend, suche ich im Tageschart nur nach Long-Einstiegen.
Wie die Kombination aus Wochen- und Tageschart konkret aussieht, siehst du im Video ab Minute 11:16.
Häufige Fragen zum MA 200
Was bedeutet es, wenn eine Aktie über der 200-Tage-Linie liegt?
Liegt der Kurs über einem steigenden MA 200, befindet sich die Aktie im übergeordneten Aufwärtstrend. Viele Trader handeln dann nur auf der Long-Seite. Ein Kurs unter einer fallenden 200-Tage-Linie gilt entsprechend als Abwärtstrend.
Was bedeutet der EMA 200?
Der EMA 200 ist der exponentielle gleitende Durchschnitt über 200 Perioden. Er gewichtet die jüngsten Kurse stärker als der einfache MA 200 und reagiert deshalb schneller auf Trendwechsel. Eingesetzt wird er genauso: als Trendfilter und als dynamische Unterstützung oder Widerstand.
Ist ein Crossover mit dem MA 200 ein gutes Signal?
Allein meist nicht. Gleitende Durchschnitte sind durch ihre Berechnung immer verzögert – wenn ein schneller Durchschnitt den MA 200 kreuzt, ist ein großer Teil der Bewegung oft schon vorbei. In Seitwärtsphasen kreuzen sich Kurs und Linie dagegen ständig, ohne dass etwas passiert. Die Reaktion des Kurses im Bereich um den Durchschnitt liefert die deutlich besseren Informationen.
Auf welcher Zeitebene funktioniert die MA-200-Strategie?
Das hier beschriebene Setup handle ich im Tageschart. Die Wochenebene nutze ich als Filter für die übergeordnete Richtung. Grundsätzlich lässt sich das Prinzip auf andere Zeitebenen übertragen – teste es aber vorher, bevor du echtes Geld einsetzt.
Das Setup automatisch finden
Die Events aus diesem Artikel – der Test des MA-200-Bereichs, die bullishe Pinbar und die Bullish-Engulfing-Formation – erkennt Altraviz in der täglichen Analyse automatisch. Statt hunderte Charts selbst durchzugehen, filterst du im Aktien-Screener nach genau diesen Ereignissen und schaust dir nur noch die Aktien an, bei denen sich das Setup gerade bildet.