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Chartanalyse

Candlestick Pattern verstehen: 4 Fragen an jede Kerze

Grün heißt bullish, rot heißt bearish? Das reicht nicht. Mit vier einfachen Fragen liest du aus jeder Kerze, wer gerade die Kontrolle hat, wer gescheitert ist und ob die Bewegung überhaupt relevant ist – ganz ohne Muster auswendig zu lernen.

Patrick Streck 10 Min. Lesezeit

Die meisten Anleger schauen auf einen Chart, sehen eine Kerze und denken: grün ist bullish, rot ist bearish. Genau das reicht aber nicht aus. Eine einzige Kerze kann dir viel mehr verraten: wer gerade die Kontrolle hat, welche Seite gescheitert ist, wie stark die Bewegung wirklich war – und vor allem, wie relevant diese Kerze für die gesamte Preisbewegung ist.

In diesem Artikel zeige ich dir vier Fragen, die du dir bei jeder Kerze stellen kannst. Dafür brauchst du keine Liste mit dutzenden Mustern und keinen zusätzlichen Indikator.

Was ist ein Candlestick Pattern?

Ein Candlestick Pattern (auf Deutsch Candlestick-Muster oder Kerzenformation) ist eine typische Form aus einer oder mehreren Kerzen im Chart. Die bekanntesten sind der Hammer, der Shooting Star, die Pinbar, der Doji und die Engulfing-Kerze.

Die meisten Trader lernen diese Formationen auswendig und warten dann darauf, dass sie im Chart auftauchen. Das Problem ist nicht, dass die Muster nutzlos wären. Viel wichtiger ist aber zu verstehen, was sie eigentlich bedeuten:

  • Warum taucht das Muster auf?
  • Welche Bewegung steckt dahinter?
  • Welche Seite – Käufer oder Verkäufer – hat gerade die Kontrolle?
  • Ist diese Preisbewegung an dieser Stelle überhaupt relevant?

Wenn du diese Fragen beantworten kannst, erkennst du die Muster automatisch – und weißt zusätzlich, wann eines davon wirklich etwas aussagt.

So ist eine Kerze aufgebaut

Jede Kerze im Candlestick-Chart fasst den Handel eines Zeitraums zusammen. Im Tageschart ist das ein Handelstag, im Wochenchart eine ganze Woche. Sie enthält vier Kurse:

Bestandteil Was er zeigt
Eröffnungskurs (Open) der erste Kurs des Zeitraums
Schlusskurs (Close) der letzte Kurs des Zeitraums
Hoch (High) der höchste Kurs innerhalb des Zeitraums
Tief (Low) der tiefste Kurs innerhalb des Zeitraums

Daraus ergeben sich zwei Teile: Der Kerzenkörper ist die Strecke zwischen Eröffnungs- und Schlusskurs. Die Dochte (auch Schatten genannt) ragen darüber und darunter hinaus bis zum Hoch und Tief. Körper und Dochte zusammen bilden die gesamte Handelsspanne der Kerze.

Die entscheidende Frage ist also nicht „Welches Pattern ist das?“, sondern: Was ist während dieser Kerze eigentlich passiert?

Frage 1: Wer kontrolliert den Markt?

Die erste Frage beantwortet der Kerzenkörper. Liegt der Schlusskurs deutlich über dem Eröffnungskurs und ist der Körper groß, hatten die Käufer klar die Kontrolle. Eine große grüne Kerze mit einer langen Bewegung nach oben ist ein eindeutiges Zeichen.

Ganz anders sieht es in einer Seitwärtsphase aus. Dort gibt es zwar auch grüne Kerzen, aber Eröffnungs- und Schlusskurs liegen immer nah beieinander. Die Käufer schaffen es nicht, eine starke Bewegung aufzubauen, weil Käufer und Verkäufer ungefähr im Gleichgewicht sind.

Beide Kerzen sind grün – und sagen trotzdem etwas völlig anderes. Die Farbe allein hat kaum Aussagekraft. Entscheidend ist, welche Seite in dieser Situation die Kontrolle hatte, und das zeigt dir die Größe des Körpers.

Frage 2: Wer ist mit seiner Bewegung gescheitert?

Für die zweite Frage schaust du auf die Dochte. Ein langer Docht zeigt, dass eine Seite den Kurs in eine Richtung gedrückt hat – und dann gescheitert ist.

Ein Beispiel aus dem Video ist CrowdStrike. Die Aktie lief in einer starken Aufwärtsbewegung mit vollen Kerzenkörpern: Die Käufer hatten bis zum Schluss jeder Kerze die Kontrolle. Dann kam etwas Schwäche hinein, die Körper wurden kleiner, es folgte ein normaler Rücksetzer. An einer Stelle bildete sich dann eine Kerze mit einem langen unteren Docht. Die Verkäufer hatten versucht, den Kurs tiefer zu drücken, und sind gescheitert: Käufer kamen ins Spiel und haben den Preis wieder nach oben geschoben.

Umgekehrt bei Marvell Technology, damals mitten im Hype um die Halbleiter. In einer intakten Aufwärtsbewegung machte die Aktie ein neues, höheres Hoch – und genau dort tauchten lange obere Dochte auf, dazwischen eine unentschlossene Kerze. Die Käufer haben es nicht mehr geschafft, die Bewegung fortzusetzen, und das zusammen mit hohem Volumen, also deutlichem Verkaufsdruck. Wie du das Volumen dabei liest, erkläre ich im Artikel Handelsvolumen verstehen.

Das heißt nicht, dass der Kurs danach fallen muss. Es ist eine Warnung: Die Käufer verlieren gerade die Kontrolle und die Verkäufer kommen wieder ins Spiel.

Merke dir:

  • Docht oben: Die Käufer wurden zurückgewiesen.
  • Docht unten: Die Verkäufer wurden zurückgewiesen.

Wie die beiden Beispiele im Chart aussehen, siehst du im Video ab Minute 3:37.

Frage 3: Wie stark war die Bewegung wirklich?

Bei der dritten Frage reicht es nicht mehr, eine einzelne Kerze zu betrachten. Ob eine Kerze „groß“ ist, siehst du nur im Vergleich zu den Kerzen davor.

Im Beispiel aus dem Video lief eine Aktie nach einer Abwärtsbewegung zurück. Die Kerzenkörper wurden immer kleiner, dazu kamen Dochte auf beiden Seiten – keine Seite hatte die Kontrolle. Die Volatilität flachte ab, kaum Schwankung, kaum Interesse an der Aktie.

Dann kam an einem Tag plötzlich eine Kerze mit einem enorm großen Körper, gemessen an allem, was davor war. Damit hat sich etwas verändert: Auf einmal kommen Interesse und Bewegung in die Aktie. Genau das ist der Moment, in dem du diesem Chart wieder Aufmerksamkeit schenken solltest – und in den folgenden Tagen nahm die Bewegung tatsächlich deutlich zu.

Frage 4: Wo entsteht die Kerze im Chart?

Die vierte Frage ist die wichtigste. Erst der Ort gibt einer Kerze Struktur und Bedeutung. Dafür nutze ich Price Action, also die Hoch- und Tiefpunkte und die Preisbereiche, an denen der Kurs schon einmal reagiert hat. Wie du diese Bereiche einzeichnest, liest du im Artikel zu Unterstützung und Widerstand.

Ein gutes Beispiel ist die lange Seitwärtsphase von Moderna. Die Aktie war zunächst in einem intakten Abwärtstrend, machte ein neues tieferes Tief, korrigierte und schaffte es dann nicht, die Abwärtsbewegung fortzusetzen. Beim nächsten Anstieg lief sie genau in den vorherigen Widerstandsbereich. Dort tauchten wieder lange obere Dochte auf: Die Käufer haben den Preis innerhalb des Tages mehrmals in den Bereich geschoben, und dreimal haben die Verkäufer ihn wieder herausgedrückt. Der Bereich wurde klar abgelehnt, die Abwärtsbewegung ging weiter.

Die Farbe der Kerzen spielt dabei keine Rolle. Es zählen nur die Dochte in Kombination mit dem vorherigen Preisbereich. Dochte an wichtigen Preisbereichen gehören zu den wichtigsten Werkzeugen, die ich nutze, um einen Chart zu lesen.

Alle vier Fragen an einem Chart

Wenn du bei Moderna weiter herauszoomst, siehst du, wie sich alles zusammenfügt. Nach mehr als einem Jahr und mehreren Tests brach die Aktie mit einer starken Momentum-Kerze über genau diesen Preisbereich aus: großer Körper, kein oberer Docht, deutlich größer als die Kerzen davor und dazu ansteigendes Volumen. Das sah nach einem intakten Breakout aus. Breakouts direkt zu handeln ist mir aber zu aggressiv – ich warte auf den Retest.

Kurz darauf folgte eine grüne Kerze mit kleinem Körper und einem sehr großen oberen Docht bei starkem Volumen: Verkaufsdruck, danach eine Korrektur. Grün sagt hier also gar nichts.

Beim Retest des alten Preisbereichs passte dann alles zusammen:

  1. Kontrolle: starke grüne Kerze mit vollem Körper
  2. Gescheitert: langer unterer Docht – der Bereich wurde nach unten abgelehnt, Käufer kamen herein
  3. Stärke: der Körper war deutlich größer als die vorherigen, die Volatilität stieg
  4. Ort: genau am wichtigen vorherigen Preisbereich

Alle vier Fragen mit Ja beantwortet – und die Aktie setzte ihren beginnenden Aufwärtstrend fort. Das komplette Beispiel zeige ich dir im Video ab Minute 7:50.

Die 4 Fragen im Überblick

Frage Worauf du schaust Was es dir sagt
1. Wer hat gewonnen? Kerzenkörper Große Körper: eine Seite hat klar die Kontrolle. Kleine Körper: Gleichgewicht.
2. Wer wurde zurückgewiesen? Dochte und ihre Seite Docht oben: Käufer gescheitert. Docht unten: Verkäufer gescheitert.
3. Wie stark war die Bewegung? Körper im Vergleich zu den vorherigen Kerzen Deutlich größerer Körper: Volatilität und Interesse steigen.
4. Wo ist es passiert? Preisbereiche aus der Price Action An einem wichtigen Bereich ist die Kerze viel aussagekräftiger als mitten in einer Range.

Was hinter den bekannten Candlestick Pattern steckt

Mit den vier Fragen kannst du auch die klassischen Muster einordnen, statt sie nur wiederzuerkennen:

  • Hammer und bullishe Pinbar: kleiner Körper, langer unterer Docht. Die Verkäufer sind gescheitert (Frage 2).
  • Shooting Star: kleiner Körper, langer oberer Docht. Die Käufer sind gescheitert.
  • Doji: Eröffnung und Schluss fast gleich, Dochte auf beiden Seiten. Keine Seite hat die Kontrolle (Frage 1).
  • Engulfing: Der Körper umschließt den Körper der vorherigen Kerze komplett. Eine Seite übernimmt die Kontrolle, und das mit deutlich mehr Stärke als zuvor (Fragen 1 und 3).

Für alle gilt Frage 4: Mitten in einer Seitwärtsphase sagt ein Hammer wenig. Entsteht er an einem wichtigen Preisbereich, ist er ein echtes Signal. Wie ich Pinbar und Engulfing als Bestätigung an der 200-Tage-Linie einsetze, zeige ich dir im Artikel zur MA-200-Strategie.

Kerzen lesen im Tages- und Wochenchart

Die vier Fragen funktionieren auf jeder Zeitebene. Für Swing-Trading neben dem Beruf eignen sich vor allem Tages- und Wochenkerzen: Eine Tageskerze ist nach Handelsschluss fertig, du kannst sie also abends in Ruhe lesen, statt während des Tages jede Bewegung zu verfolgen. Die Wochenkerze zeigt dir, wer über die ganze Woche die Kontrolle hatte, und filtert viel Unruhe aus dem Tageschart heraus.

Besonders bei Frage 4 lohnt sich der Blick auf beide Ebenen: Ein Preisbereich, der auch im Wochenchart sichtbar ist, hat mehr Gewicht als einer, den es nur im Tageschart gibt.

Wie dieser Baustein in meinen kompletten Ablauf passt, zeige ich im Leitfaden Swing Trading neben dem Beruf.

So hilft dir Altraviz beim Lesen der Kerzen

Die vier Fragen kosten Zeit, wenn du sie für hunderte Aktien jeden Abend selbst durchgehst. Altraviz nimmt dir den aufwendigen Teil ab:

  • Candlestick-Muster als Events: Altraviz analysiert täglich über 700 Aktien und erkennt Candlestick-Muster, Breakouts und Retests automatisch – auf Tages- und Wochenbasis.
  • Preisbereiche sind schon eingezeichnet: In der automatischen Chartanalyse siehst du Hochs, Tiefs und Widerstandszonen direkt im Chart, weitere Unterstützungen und Widerstände blendest du mit wenigen Klicks ein. Frage 4 beantwortest du damit auf einen Blick.
  • Gezielt filtern: Im Aktien-Screener filterst du nach genau diesen Ereignissen und nach dem Trend auf Tages- und Wochenbasis. Du öffnest nur noch die Charts, bei denen gerade etwas passiert.

Die Fragen 1 bis 3 beantwortest du dann selbst im Chart – in wenigen Sekunden statt nach langem Suchen.

Häufige Fragen zu Candlestick Pattern

Welche Candlestick Pattern sind die wichtigsten?

Die bekanntesten sind Hammer, Pinbar, Shooting Star, Doji und Engulfing. Wichtiger als das einzelne Muster ist aber, wo es entsteht und was es über Käufer und Verkäufer aussagt. Dasselbe Muster kann an einem wichtigen Preisbereich ein starkes Signal sein und mitten in einer Range fast nichts bedeuten.

Was bedeutet eine grüne oder rote Kerze?

Bei einer grünen Kerze liegt der Schlusskurs über dem Eröffnungskurs, bei einer roten darunter. Für sich genommen sagt die Farbe aber wenig. Eine grüne Kerze mit kleinem Körper und langem oberen Docht zeigt zum Beispiel eher Verkaufsdruck als Stärke.

Was ist eine Engulfing-Kerze?

Eine Engulfing-Kerze hat einen Körper, der den Körper der vorherigen Kerze vollständig umschließt. Bei einer Bullish-Engulfing-Kerze übernehmen die Käufer die Kontrolle, bei einer Bearish-Engulfing-Kerze die Verkäufer. Am aussagekräftigsten ist sie an einem wichtigen Preisbereich.

Was bedeutet eine Doji-Kerze?

Bei einem Doji liegen Eröffnungs- und Schlusskurs fast gleich, oft mit Dochten auf beiden Seiten. Käufer und Verkäufer halten sich die Waage, keine Seite hat die Kontrolle. Nach einer längeren Bewegung kann das ein erstes Zeichen von Unentschlossenheit sein.

Funktionieren Candlesticks auch im Wochenchart?

Ja. Eine Wochenkerze fasst den Handel einer ganzen Woche zusammen und ist dadurch weniger anfällig für Schwankungen einzelner Tage. Die vier Fragen kannst du genauso anwenden.

Dieses Setup jeden Tag automatisch finden.

Altraviz analysiert täglich über 700 Aktien und markiert Events wie den Test des EMA-200-Bereichs oder eine Pinbar – du öffnest nur noch die Charts, bei denen sich ein Blick lohnt.