Chartanalyse
Handelsvolumen verstehen: So liest du Volumen im Chart
Kerzen, Muster, Linien – die meisten schauen im Chart auf alles, nur nicht auf das Volumen. Dabei zeigt dir das Handelsvolumen, was wirklich hinter einer Bewegung steckt. Ich zeige dir, wie du es richtig liest.
Patrick Streck 8 Min. Lesezeit
Wenn du einen Aktienchart öffnest, worauf achtest du zuerst? Die meisten Anleger sehen Kerzen, die nach oben oder unten laufen, sie sehen Muster und Linien. Dabei übersehen sie eine der wichtigsten Informationen im Chart: das Volumen.
Das Handelsvolumen gehört für mich zu den am meisten unterschätzten Themen im Trading. Wenn du es zusätzlich zum Preis verstehst, siehst du, was wirklich hinter einer Bewegung steht – und ob sie gesund ist oder schon an Kraft verliert.
Was ist das Handelsvolumen?
Das Handelsvolumen ist die Anzahl der Aktien, die in einem Zeitraum gehandelt wurden. Im Tageschart siehst du es als Balken unter jeder Kerze: Jeder Balken zeigt, wie viele Stück an diesem Tag den Besitzer gewechselt haben. Im Wochenchart ist es entsprechend das Volumen der ganzen Woche.
Wichtig ist dabei eine einfache Tatsache: Zu jedem Kauf gehört ein Verkauf. Wenn du 100 Aktien kaufst, muss auf der anderen Seite jemand genau diese 100 Aktien verkaufen. Das Volumen zählt also immer beide Seiten gleichzeitig.
Der größte Mythos: grüne Balken sind Kaufvolumen
Viele lesen die Farbe der Volumenbalken so: grün ist Kaufvolumen, rot ist Verkaufsvolumen. Das ist grundlegend falsch. Weil jeder Kauf einen Verkauf braucht, gibt es kein reines Kauf- oder Verkaufsvolumen.
Die Farbe des Balkens übernimmt nur die Farbe der Kerze. Und die hängt allein davon ab, ob der Schlusskurs über (grün) oder unter (rot) dem Eröffnungskurs liegt. Ob gerade mehr Kauf- oder Verkaufsinteresse im Markt ist, liest du deshalb nicht an der Farbe ab, sondern an drei Dingen zusammen:
- der Höhe des Volumens im Vergleich zu den Tagen davor,
- der Preisbewegung, die dabei herauskam,
- und der Form der Kerze, vor allem ihren Dochten.
Wie du Körper und Dochte einer Kerze liest, erkläre ich ausführlich im Artikel Candlestick Pattern verstehen.
Das Denkmodell: Aufwand gegen Ergebnis
Das wichtigste Denkmodell für das Volumen kommt aus dem Englischen: Effort vs. Result, auf Deutsch Aufwand gegen Ergebnis. Das Volumen ist der Aufwand, die Preisbewegung das Ergebnis. Wenn viel Aufwand hineingesteckt wird, sollte auch eine große Preisbewegung herauskommen. Wenig Aufwand, kleine Bewegung.
Daraus ergeben sich drei Situationen:
| Situation | Volumen | Preisbewegung | Was es bedeutet |
|---|---|---|---|
| Gesunde Bewegung | hoch | groß | Aufwand und Ergebnis passen zusammen. |
| Absorption | hoch | klein | Viel wird gehandelt, aber der Preis kommt nicht vom Fleck. Genauer hinschauen. |
| Mühelose Bewegung | niedrig | relativ groß | Der Preis bewegt sich, aber kaum jemand handelt mit. |
Gesunde Bewegung: Eine starke Aufwärtsbewegung mit sehr hohem Volumen ist das, was du sehen willst. Die Bewegung wird von vielen Marktteilnehmern getragen.
Hohes Volumen, kaum Bewegung: Hier wird viel umgesetzt, aber der Preis bleibt fast konstant – oft zusammen mit einem langen Docht. Meist steckt eine große Seite dahinter, die zum selben Preis immer weiter kauft oder verkauft und so alle Orders der Gegenseite aufsaugt. Genau solche Stellen willst du erkennen, denn die großen Marktteilnehmer sind es, die den Markt wirklich bewegen. Mit ihnen willst du mitschwimmen, nicht gegen sie.
Mühelose Bewegung: Der Kurs fällt zum Beispiel deutlich, aber das Volumen ist niedrig. Das heißt nicht, dass die Käufer stark wären – es ist schlicht niemand mehr bereit, weiter zu verkaufen. Trifft so eine Bewegung auf eine wichtige Unterstützung, dreht der Markt dort oft wieder. Dasselbe Muster siehst du beim Retest nach einem Breakout, dazu gleich mehr.
Das Denkmodell zeige ich dir am Chart im Video ab Minute 2:46.
Die 3 wichtigsten Volumen-Muster
1. Stopping Volume: Volumen, das eine Bewegung stoppt
Ein Beispiel aus dem Video ist Tesla im Wochenchart – also klar Swing-Trading. Die Aktie lief nach oben, das Volumen stieg mit, das passte zusammen. Dann kam eine Woche mit einer Pinbar: kleiner Körper, langer oberer Docht. Innerhalb der Woche stand der Kurs schon deutlich höher, wurde aber wieder abverkauft – und das bei hohem Volumen.
Das heißt: Eine große Gruppe von Marktteilnehmern war bereit, genau hier auszusteigen, und hat auch zu tieferen Preisen weiter verkauft. Hohes Volumen, kleiner Körper und ein langer Docht sind ein Warnzeichen, dass die Bewegung zu Ende gehen könnte.
Dasselbe Muster gibt es umgekehrt in Crash-Phasen. Im S&P 500 rund um die Zoll-Ankündigungen 2025 stieg das Volumen im Tageschart mit der Panik immer weiter an. An einem Tag war es dann extrem hoch und die Kerze hatte einen sehr langen unteren Docht. Für mich das erste Zeichen: Hier kommen Käufer in großer Stückzahl herein, die Abwärtsbewegung könnte erstmals enden.
2. Hohes Volumen am Ende eines langen Anstiegs
Ebenfalls im S&P 500 auf Tagesbasis: Nach einem Anstieg über viele Tage steigt das Volumen plötzlich deutlich an, und die Kerze ist trotzdem noch grün. Viele lesen das als Stärke. Nach einem langen Anstieg bedeutet es aber oft das Gegenteil: Große Marktteilnehmer nutzen die Gelegenheit, um auszusteigen. Die eine Seite springt aus Angst, etwas zu verpassen, noch auf – und genau diese Nachfrage nutzt die andere Seite zum Verkaufen. Das siehst du besonders oft in Einzelaktien.
3. Retest nach Breakout mit wenig Volumen
Das dritte Beispiel ist Moderna im Tageschart. Die Aktie hatte einen klaren oberen Preisbereich, testete ihn, lief zurück und nahm dann mit steigendem Volumen einen neuen Anlauf. Der Ausbruch kam mit weiter erhöhtem Volumen. Am Folgetag bildete sich ein Doji mit hohem Volumen und Dochten auf beiden Seiten – Unentschlossenheit.
Dann lief der Kurs mit einer großen Kerze zurück in den vorherigen Ausbruchsbereich, aber mit deutlich geringerem Volumen. Die Preisbewegung ist da, aber niemand will zu diesen Preisen noch verkaufen. Genau das ist die Bestätigung, dass der Ausbruch kein Fake war. Am Folgetag lief die Aktie weiter nach oben.
Diesen Retest nach dem Breakout handle ich sehr gerne. Ich kaufe den Ausbruch nicht direkt, sondern warte, bis der Kurs zurückkommt und sich über dem alten Bereich hält. Wie du Ausbrüche und Fehlausbrüche unterscheidest, erkläre ich im Artikel zum Breakout Trading.
Checkliste: Handelsvolumen im Chart lesen
- Farbe ignorieren: Der Volumenbalken sagt nichts darüber, ob gekauft oder verkauft wurde.
- Relativ vergleichen: Ist das Volumen hoch oder niedrig im Vergleich zu den Tagen oder Wochen davor?
- Aufwand gegen Ergebnis: Passt die Preisbewegung zum Volumen – oder steckt viel Volumen in wenig Bewegung?
- Dochte prüfen: Ein langer Docht bei hohem Volumen zeigt, dass eine Seite abgewiesen wurde.
- Ort beachten: Am Ende eines langen Trends, an einer Unterstützung oder beim Retest hat das Volumen die größte Aussagekraft.
Wie du Preis und Volumen über mehrere Kerzen hinweg zusammen liest und aus mehreren Warnzeichen eine Entscheidung ableitest, zeige ich dir im Artikel zur Volumen-Spread-Analyse.
Handelsvolumen im Tages- und Wochenchart
Für Swing-Trading neben dem Beruf reichen Tages- und Wochenchart völlig aus, und das Volumen funktioniert auf beiden Ebenen. Im Wochenchart fasst jeder Balken das Volumen einer ganzen Woche zusammen. Muster wie das Stopping Volume bei Tesla sind dort besonders deutlich, weil die Unruhe einzelner Tage herausfällt. Im Tageschart siehst du dagegen genauer, wie ein Ausbruch oder ein Retest abläuft.
Ein Vorteil für Berufstätige: Das Tagesvolumen steht nach Handelsschluss fest. Du kannst es abends in Ruhe bewerten, statt während des Tages auf jeden Balken zu schauen.
Handelsvolumen ist kein eigenes Trading-System
Ein Hinweis, weil die Begriffe oft durcheinandergehen: Ich nutze das Volumen nicht als eigenständige Methode, sondern als Bestätigung für das, was ich im Preis sehe. Ein Ausbruch, ein Retest oder eine Pinbar an einer Unterstützung wird durch das passende Volumen glaubwürdiger. Für sich allein ist ein hoher Volumenbalken noch kein Signal.
Wie dieser Baustein in meinen kompletten Ablauf passt, zeige ich im Leitfaden Swing Trading neben dem Beruf.
So hilft dir Altraviz dabei
Das Volumen hat die größte Aussagekraft an den Stellen, an denen gerade etwas passiert: bei einem Ausbruch, einem Retest oder einer auffälligen Kerze an einer Unterstützung. Genau diese Stellen findet Altraviz für dich:
- Events statt Suchen: Altraviz analysiert täglich über 700 Aktien und erkennt Breakouts, Retests und Candlestick-Muster automatisch.
- Gezielt filtern: Im Aktien-Screener filterst du nach diesen Ereignissen und nach dem Trend auf Tages- und Wochenbasis.
- Volumen mit einem Klick: In der automatischen Chartanalyse ist der Chart schon vorbereitet. Das Volumen blendest du mit wenigen Klicks ein und prüfst dann selbst, ob Aufwand und Ergebnis zusammenpassen.
Häufige Fragen zum Handelsvolumen
Was sagt das Handelsvolumen einer Aktie aus?
Das Handelsvolumen zeigt, wie viele Aktien in einem Zeitraum gehandelt wurden – und damit, wie viel Interesse hinter einer Preisbewegung steckt. Aussagekräftig wird es im Vergleich: zur Preisbewegung derselben Kerze und zum Volumen der Tage davor.
Bedeuten grüne Volumenbalken Kaufvolumen?
Nein. Zu jedem Kauf gehört ein Verkauf, es gibt also kein reines Kaufvolumen. Die Farbe des Balkens zeigt nur, ob die Kerze über oder unter ihrem Eröffnungskurs geschlossen hat.
Ist hohes Volumen gut oder schlecht?
Weder noch – es kommt darauf an, was der Preis dabei macht. Hohes Volumen mit einer großen Preisbewegung bestätigt die Bewegung. Hohes Volumen mit kaum Bewegung und langem Docht ist dagegen oft ein Warnzeichen, besonders nach einem langen Trend.
Was bedeutet niedriges Volumen bei fallenden Kursen?
Fällt der Kurs bei niedrigem Volumen, ist meist einfach niemand mehr bereit, weiter zu verkaufen. Das ist kein Zeichen von Stärke der Käufer, aber ein Hinweis, dass der Verkaufsdruck nachlässt. Beim Retest nach einem Ausbruch ist genau das die Bestätigung, auf die ich warte.
Wo sehe ich das Handelsvolumen einer Aktie?
In fast jeder Chart-Software und bei den meisten Brokern kannst du das Volumen als Balken unter dem Chart einblenden. Im Tageschart zeigt jeder Balken das Volumen eines Handelstages, im Wochenchart das einer Woche.